stephan reusse
     

Wolfsbilder
by Siegfried Zielinski

 

The eye had to pay a high toll during the process of civilization for being promoted to the highest rank in the hierarchy of sensual organs. It was converted into a device for detached perception, into a mere visual apparatus. Before this process began some 2000 years ago, seeing had been understood above all as a joy of discovering equal in rank to hearing, smelling, tasting, and touching. What was viewed did not suffer, but was a sensation for the viewer, and vice versa: Whoever or whatever was being seen, would open itself fondly towards the viewer. Invisibility or inaudibility would mean rejection; in such a case, communication did not work.
Stephan Reusse’s “Thermovisions” use advanced media technologies. Yet they also tell a tale of the times when humans started thinking systematically about perception. Through a media-based process of translation, the eye is given access to what had been a sensorial privilege of the touch, namely the experience of temperature, of heat and of cold. Only in this way, an absent body may become visible. Its shape does not leave any impression in the empty space, its skin color does not inscribe any traces into a space that immediately forgets whether a body is beautiful or ugly. But the space will remember for a while if anything has penetrated it that is of a different temperature than the space itself. The thermograph is a special kind of differential writer. But only through the transformation in the photographic image the data gathered and registered by the sensor are transformed back into a sensation. The sober scientific structure is poeticized with aesthetic means.
Our ancestors understood the wolf to be a “devouring damage.” The tracks that wolves left to the eyes of the peasants were bloody, their presence meant danger and threat. The wolf was a hated animal that came from the cold and would retreat back into the cold. The wolf would represent the alien, the extraneous, something you had to keep out and to destroy. Reusse’s images, however, add a quality to the wolf that it never really had. In the expanded artistic moment, the beast enjoys a touch of tender affection. Only when the object of enmity has nearly been eliminated from reality, it may unfold its fascination to people, may get both respect and warmth: in its state of an image.
 

Wolfsbilder
Von Siegfried Zielinski

 

Das Auge musste einen hohen Preis dafür bezahlen, dass es im Prozess der Zivilisation an die Spitze der Hierarchie aller Sinnesorgane gehievt wurde. Es wurde zum Organ distanzierter Wahrnehmung degradiert, zum visuellen Apparat. Bevor das vor gut 2000 Jahren begann, hatte man das Sehen vor allem als ein tastendes Vergnügen begriffen, gleichberechtigt mit dem Hören, dem Riechen, dem Schmecken und dem Tasten. Was man sah, litt nicht, sondern war eine Sensation für den, der blickte und umgekehrt: Wer oder was erblickt wurde, öffnete sich in Zuneigung zum Blickenden. Nichtsichtbarkeit oder Nichthörbarkeit bedeuteten Abneigung. Kommunikation funktionierte in diesem Fall nicht.
Die „Thermovisionen“ Stephan Reusses arbeiten mit avancierter Medientechnik. Aber sie erzählen auch von dieser seltsamen Attraktion aus jenen Zeiten, als man begann, systematisch über Wahrnehmung nachzudenken. Dem Auge wird über einen medialen Übersetzungsprozess zugänglich gemacht, was normalerweise der Haut, dem Spüren, dem Tasten privilegiert vorbehalten ist wahrzunehmen, die Empfindung von Temperatur, von Hitze und Kälte. Nur so kann ein Körper in Abwesenheit sichtbar werden. Seine Form hinterlässt keinen Abdruck im leeren Raum, seine Hautfarbe schreibt keine Spuren in ihn ein, der Raum vergisst sofort, ob ein Körper schön oder hässlich ist. Aber er merkt sich für eine Weile, wenn etwas in ihn hineingeraten ist, das eine andere Temperatur hat als er selbst. Der Thermograf ist ein besonderer Differenzschreiber. Aber erst durch die Transformation im fotografischen Bild wird aus den sichtbar gemachten Daten, die der Sensor registriert, erneut eine Sensation. Die kühle naturwissenschaftliche Struktur wird mit ästhetischen Mitteln poetisiert.
Der Wolf wurde von den Alten als ein „fressender Schaden“ aufgefasst. Die Spur, die er für die Bauern hinterließ, war in ihren Augen blutig, seine Anwesenheit bedeutete Gefahr und Bedrohung. Er war ein gehasstes Tier, das aus der Kälte kam und in die Kälte zurückwich. Der Wolf repräsentierte das Fremde, das Andere, das Auszugrenzende, das zu Vernichtende. Reusses Bilder verleihen ihm etwas, was er in Wirklichkeit nie hatte. Im gedehnten künstlerischen Augenblick genießt er eine zärtliche Zuwendung. Erst, wenn das Objekt der Feindschaft im Realen nahezu eliminiert ist, vermag es für die Leute Faszination zu entfalten, Achtung und Wärme zu erheischen: im Status des Bildes.