stephan reusse
     
 

 

 

 

 

 

 

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Komplementäre Raumvisionen/ Sequenz 11
Stephan Reusse: Thermovisionen
Von Dr. Markus Wimmer


 

In den Thermovisionen von Stephan Reusse wird der Rezipient in eine sublime räumliche Wahrnehmungswelt initiiert, welche jenseits direkter physischer Erfahrung liegt. Wärme wird sichtbar gemacht. Diese zunächst simpel klingende Übertragung und Übersetzung von haptischer Information in ein optisches Bild entspricht einer medialen Vorgehensweise. Der Effekt der Aufbereitung durch neue Medien hat seine Vorgänger in den als Medien bezeichneten Menschen, welche mehr wahrnehmen als unsere Alltagsrealitat erkennt.
Wärme dehnt sich aus und gleicht sich ihrer Umgebung an. Da sie für uns vorwiegend haptisch wahrnehmbar ist, bleibt sie an Körpern und Gegenständen gebunden, sie wird in der Erfahrung immer auf ihre Quelle hin rezipiert. Auch wenn sie, wie die Sonne, viele Lichtjahre vom Rezipienten entfernt ist. Stephan Reusse sucht jenen Bereich auf, wo Wärme ihre Quelle verlassen hat, isoliert ihre Ausdehnung, abstrahiert sie, monumentalisiert sie, transformiert sie zu Licht. Der Prozess beruht auf dem Phänomen der Energieumwandlung. Wärme, so dokumentieren die Fotoarbeiten, gleicht einer Aura, welche wie eine Wolke ihre Quelle umfließt. Auch nach temporärer Anwesenheit ihrer Quelle, im zeitlichen Abstand dazu, kann dieses Licht aufgezeichnet werden. In Reusses Arbeiten konzentriert sich alles auf die Erscheinung dieses Lichtes im Nacht-Raum: nicht Erzeugung, vielmehr wird die Präsenz der Energie inszeniert. Mediale Umsetzung und Wiederholung des Motivs gehören wissenschaftlichen Prinzipien an. Im Gegensatz dazu mystifiziert unsere Unfähigkeit, die durch das Foto festgehaltene Information am eigenen Leib zu erfahren den Inhalt der Fotos. Nachtblau, Monumentale Anordnung und unscharfe Wolkigkeit der Lichtform führen den Rezipienten in einen sublimen, letztlich absoluten Raum der energetischen Erscheinung.
Die mehrschichtige Aura des Menschen, welche für medial begabte Wesen erfahrbar ist, kennt unterschiedliche Ausdehnungsweiten bis zu mehreren Kilometern. Der Ätherleib, als Schutzhülle des physischen Körpers löst sich nach drei bis fünf Tagen nach dem Tod eines Menschen auf, während Astral-, Mental- und spirituelle Aura körperunabhängig existieren. Ihre Quelle gehört einem feinstofflichen energetischen Bereich an. Vergleichbar mit der Sichtbarmachung von Wärme handelt es sich hierbei um wesentlich komplexerer Prozesse, die technisch noch nicht verifizierbar sind. Die Aurafotografie liefert verglichen mit der Intuition medial begabter Personen lediglich Zufallsergebnisse.
Befragen wir das von Stephan Reusse inszenierte Phänomen auf die Erweiterung unseres räumlichen Bewußtseins hin, so verlassen wir die physischen Paradigmen zugunsten von Gefühlen, Ahnungen und Intuition. Aus der zwischenmenschlichen Erfahrung kennen wir sehr genau diese Ebene der Reaktion, welche in sympathisch und unsympathisch einteilt. Die Ergebnisse sind auf anhieb in der Alltagswahrnehmung nicht erklärbar. Kommunikation findet offenbar auf einer anderen, psychischen Ebene statt, welche der sublimen und absoluten Welt näher ist, als der gewohnt relativen.
Mit der Sichtbarmachung der energetischen Ausdehnung von grobstofflichen Körpern wechselt Reusse die Wahrnehmungsebene, er überschreitet damit eine permeable Grenze. Die Kontingenz räumlicher Grenzen wird transformiert sobald der Blick auf eine andere Wahrnehmungsebene fällt. Raum generiert zum Ausdrucksort psychischer Energie. Dabei treten völlig andere Koordinaten ins Bewußtsein. Der Innenraum gleicht dem energieverströmenden Gefäß der Wärmequelle. Im Außenraum erscheint die Vision des Lichts, wie im Nachthimmel, in welchem sich die Lichterscheinungen aus der Tiefe des Kosmos offenbaren.
Mit diesem Phänomen knüpft Reusse in der Inszenierung seiner Fototableaus an den architektonischen Ort des Himmels an. Im christlichen Kultbau wurde jenes Bild im Gewölbe oder der Kuppel ausgedrückt. Hier in der Galerie spiegeln sich die transzendierenden Orte in zwei Bodenarbeiten und zwei das Oben mit dem Unten verbindenden Türmen. Damit wird der mediale Prozess der Fotografie ablesbar als ein Abbild der Energiewolke vor dem Nachtblau des Grundes. Die Anwesenheit des Lichts ist nicht real gemeint, sonst wäre ihre Wiederholbarkeit nicht denkbar; sie wird reproduziert, ist die Umsetzung des Phänomens. Sie erscheint deshalb auch nicht am geistigen Ort der Kuppel weil sie deren mentaler Spiegel ist. Der farbliche Negativcharakter der Fotos und die streifige Wiederholung dienen außerdem als Hinweis auf den Abbildungsvorgang innerhalb der Kamera. Die Kamera gleicht einem Modell des eigenen Wahrnehmungsraumes, als sei der Beobachter selbst im Innenraum, im Dunkelraum, in der inneren Kammer, in welche das Licht der energetischen Ausdehnung fällt.
Das räumliche Bewußtsein, welches sich hierin manifestiert, ist frei gemacht von Zwängen und Strukturen: ein freier Entfaltungsraum der Durchdringung von Innen und Außen in der Sichtbarmachung der permeablen Grenze von Energie und Wahrnehmungsebene. Die daraus resultierende Erfahrung des Rezipienten hilft ihm auf dem Weg der medialen Sensibilisierung. Alltagsparadigmen der Wahrnehmung dehnen sich zu komplementären Räumen des rationalen Verstandes: Gefühle, Ahnungen, Intuition und spirituelle Erfahrung. Dabei wird das Sublime und Absolute als eine unserer Ganzheit und unserem Sein innewohnende Qualität wahrgenommen. Der mediale Umgang von Naturwissenschaft und Technik dient paradoxer Weise als Transportmittel der Ausdehnung in den metaphysischen Bereich hinein.
Stephan Reusses Thermovision, d.h. Wärmeerscheinung transformiert zu einer Metapher für die Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit im Sinne der Komplementarität des Raumes, vom physischen zum metaphysischen Raum.