stephan reusse
     
 

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„They are only in your memory“
Zu den Laserarbeiten und Lenticular-Fotos von Stephan Reusse
Von Marietta Franke


 

Performance als künstlerischer Filter der Fotografie
 
Das zum Minimum gebrachte “Künstlerische”
muss hier als das am stärksten wirkende Abstrakte erkannt werden.
Wassily Kandinsky, Über die Formfrage

 
Annäherung durch vielfaches Versuchen
Petra Kelly

 
In Stephan Reusses Arbeit zeichnet sich eine künstlerische Konsequenz ab, die der Tendenz der Fotografie zur Subjektivität immer apparative und inhaltliche Realitäten gegenübergestellt hat. Reusse geht nicht von der Bildrealität aus, sondern lässt Sehen, Erleben und Denken immer wieder möglichst ungefiltert zusammentreffen. Medienreflexive Fragen werden mit der experimentellen Haltung des Künstlers verschaltet. Frühe Arbeiten aus den 1980-iger Jahren wie zum Beispiel die Hervormalungen einer Fotografie in einer Performance oder Thermografien, die Wärmekörper abbilden, schaffen eine zeitliche und räumliche Distanz zwischen dem künstlerischen Bild und dem Augenblick des Fotografierens. Die Laserarbeiten Reusses öffnen diese Konsequenz für weitere Abstraktionen und Intensitäten. Nicht die zeichnende Hand des Künstlers führt die Linie den Gegenständen/ Figuren zu, die er einmal gesehen oder als Modell vor sich hat und die er darstellen will, sondern die Linie, aus Punkten gebildet, trägt das Potential in sich, die Bewegungen einer Maus, eines Affen oder einer Tänzers zu denken und dieses Denken wahrnehmbar zu machen. Ein junger Mann erklärt seiner Mutter, während sie vor Reusses Laserinstallation “MICE” (2007) stehen und dort verweilen:” They are not there, they are only in your memory.” Reusse “sieht und denkt mit der Linie”1. Die Abstraktion der Bewegungen einer Maus ist anders, als die eines Affen und eines tanzenden menschlichen Körpers. Auch die Linie kann sie nicht unterwerfen. Ihr Bild, das Ereignis ihrer Komplexität, entzieht sich. Eadweard Muybridge entdeckte 1878 mit seiner Fotografie, dass ein Pferd im Galopp für einen Moment schwebt, was vorher, ohne seine kurz hintereinander aufgenommenen Fotografien/Sequenzen mit dem bloßen menschlichen Auge nicht gesehen werden konnte.2 Künstler des frühen 20. Jahrhunderts haben die Vorstellung des Schwebens, die Lösung von den Gesetzen der Schwerkraft, intensiv in ihr Denken aufgenommen. “Das Geistige in der Kunst”, das zu Wassily Kandinsky´s künstlerischen Erkenntnissen gehört, ist ohne das Veränderungspotential des Schwebens/nicht denkbar. Aus dem Empfinden/Denken des Schwebens erwachsen Anforderungen an die künstlerische Abstraktion, die mit der Ungegenständlichkeit nicht erledigt sind. Die Laserarbeiten Reusses entstehen aus Vektorisierungen, wobei sie einer real gefilmten Bewegung nachgehen und nicht aus der Anpassung an eine virtuelle Welt kommen. Eine reale Bewegung scheint so vertraut, fast selbstverständlich zu sein, aber schon das einfache Nachahmen einer Bewegung mit dem eigenen Körper wirft Fragen auf, die in der Unbeholfenheit des Nachahmenden sichtbar werden, ohne dabei schon in der Sprache angekommen zu sein, geschweige denn in einem ihrer möglichen Bilder. Die Arbeitsprozesse, die Laserinstallationen wie “MICE” (2007), “MONKS” (2007/2008) und “MERCI” (2009) vorangehen, kommen nicht mit dem Versprechen des Erfolges daher; ob sie gelingen werden, bleibt die ganze Zeit über in der Schwebe. Das Denken mit der Linie fordert die Bereitschaft sich immer weiter von einem ergebnis-orientierten Denken zugunsten prozessualer Unwägbarkeiten zu lösen. Das Material, die realen Bewegungsabläufe, die Linie und die computertechnischen Möglichkeiten korrigieren das Denken des Künstlers, was durchaus schmerzen kann.3 Reusse arbeitet nicht an comichaften Bewegungen, sondern an möglichst flüssigen Bildern der Bewegung. Dieser Läuterungsprozess eröffnet ihm die Chance, seinem eigenen Bildanspruch gerecht zu werden, und nicht den Bildansprüchen des Marktes. Während die Welt der virtuellen Bilder die Wahrnehmung der Qualität einer realen Bewegung/ Wirklichkeit gewissenlos mit überdosierten oder gleichgültigen Bildern vermint, geht es bei Reusse darum, seine Laser-Bilder so weit wie möglich von Fremd- und Selbstmanipulationen freizuhalten, dabei gleichzeitig die Abstraktion aus den mit ihrer Ungegenständlichkeit einhergehenden Missverständnissen und Vorurteilen herauszuschälen und ein “authentisches Bild“4 entstehen zu lassen. Der Arbeits- und Denkprozess zeigt ihm das Bild nur langsam und mit Widerständen. Die Laserinstallationen sind sowohl für Innenräume gedacht, wie zum Beispiel in Basel 2009 (the solo project) die Arbeit “MERCI”, als auch für öffentliche Kontextualisierungen, wenn die Maus auf der Fassade der spanischen Synagoge in Prag oder an einer blätterbewachsenen Wand in Paris erscheint oder der Affe sich an der Dachrinne eines Hauses in Mannheim entlang schwingt. “MICE” war auch im Rahmen der Ausstellung “Hundred Stories about Love” im Museum des 21. Jahrhunderts für Zeitgenössische Kunst in Kanazawa/ Japan zu sehen. Die Ausstellungsbesucher reagierten auf die auf der Wand laufende Maus, indem sie ihr hinterher sprangen oder Gesten des Auffangens oder Entlaufen Lassens machten. Reusse hat diese sich spontan ereignenden interaktiven Situationen/Handlungen in fotografischen Sequenzen wiederum aufgezeichnet und in den blickwinkelabhängigen Bild-Modus von Lenticular-Fotografien/Wackelbildern gebracht. Die spontanen Interaktionen der Ausstellungsbesucher, nehmen die dialogische Qualität auf, aus denen, 1983 beginnend, auch seine fotografischen Arbeiten leben, sei es ihre Vernetzung mit den existentiellen künstlerischen Handlungsformen der Performance, sei es das Collaboration-Konzept seiner Künstler-Portraits, als wäre diese Qualität in den Laserarbeiten noch einmal in gesteigerter Form wahrnehmbar geworden. Reusses künstlerische Haltungen und Erfahrungen wirken bis in die Tiefenschichten seiner Arbeiten. Wenn sich die Linie auffaltet und zur Beschreibung einer Form übergeht, beult, verformt, mal ungegenständlicher und dann wieder gegenständlicher wird, entsteht für den Betrachter neben der Erinnerung an die sich bewegende Maus, den Affen, den Tänzer der Eindruck, als könne er im Gehirn des Künstlers lesen, den Prozess der neuronalen Verschaltungen sehen, die die Bewegung in der Bildwerdung des Denkprozesses durchlaufen hat, bevor sie sich in der Ikonitätsform, in der sie sich nun zeigt, sichtbar wurde. Die Qualität der Laserinstallationen Reusses liegt darin, dass die Widerstände des Arbeitsprozesses nicht sichtbar sind, sondern mit einer Leichtigkeit ablaufen, als wären sie schon immer da gewesen.
 


Literaturhinweise:
1 Gespräch mit Stephan Reusse am 13.11.2009
2 Vgl Eadweard Muybridge „Ther Attitudes of Animals in Motion, 1881“
3 Gespräch mit Stephan Reusse am 13.11.2009
4 Gespräch mit Stephan Reusse am 14.11.2009